Ökonomie entdeckt Menschlichkeit

Über Jahre verkannten Volkswirte, dass das menschliche Gehirn häufig völlig irrational  tickt. Mittlerweile wendet man sich allgemein immer mehr der neuen Theorie vom unvernünftigen Menschen zu.

Versetzen Sie sich einmal in folgende Situation: Auf einer Feier wird ein Spiel angekündigt, bei dem jeder Gast eine Zahl zwischen null und hundert auf einem Zettel notiert, der eingesammelt wird. Nun wird der Durchschnitt aller notierten Zahlen ermittelt. Derjenige, der die Zahl notiert hat, die am nächsten an zwei Dritteln des Durchschnitts liegt, hat gewonnen. Frage: Welche Zahl würden Sie auf Ihren Zettel schreiben?

Dazu folgende Überlegungen: Gibt jeder Gast einfach irgendeine beliebige Zahl in dem Bereich an, so liegt der Durchschnitt bei 50, zwei Drittel davon sind 33. In diesem Falle sollte man also 33 notieren. Denken jedoch auch die anderen so, dann schreiben alle 33 auf, wodurch sich der Zahlendurchschnitt von 33 ergibt. Davon zwei Drittel sind 22. Daraus ergibt sich, dass man 22 notieren sollte u.s.w. Setzt man voraus, dass alle Gäste vollkommen rational handeln und bis zum Ende durchdenken, so sollte man die Zahl Null notieren.

Doch das tun die allerwenigsten. Und diese handeln letztendlich nicht einmal besonders clever, da nur die wenigsten Menschen einen solchen Gedankengang bis zum Ende verfolgen. So wird die Null also nur in den wenigsten Fällen als Sieger hervorgehen. Denn die Menschen sind weniger rational als es den Ökonomen lieb wäre.

Der Homo oeconomicus

Jahrelang hielten Volkswirte den Homo oeconomicus, den rationalen Gewinnmaximierer für plausibel – oder zumindest für wirklichkeitsnah. Doch das obige  Beispiel zeigt, dass sie es sich zu sehr vereinfacht haben. Denn es gibt Hunderte, ja, Tausende von Situationen, in denen der Mensch das Schema F der vollkommenen Rationalität verlässt und völlig anders handelt – und nicht nur einzelne Situationen. 

Geht es darum, rationale Entscheidungen zu treffen, so bereiten uns beispielsweise Verluste größere Pein als angebracht. Folglich stoßen wir schlechte Wertpapiere oft zu spät ab. Dahingegen lieben wir unseren Besitz unverhältnismäßig – eine Uhr, die wir besitzen, ist für uns viel teurer als wir jemals bereit wären, für ein solches Stück zu zahlen. Wenn wir einen Schokoriegel bekommen haben, den wir anschließend gegen einen Notizblock eintauschen können, dann möchten viel weniger von uns den Block, als wenn wir direkt die Auswahl gehabt hätten.

(Ver)alte(te) Modelle

Daraus folgt nicht unabdingbar, dass Menschen unvorhersagbar und chaotisch handeln, sondern, dass eine andere Erklärung für ihr Verhalten gefunden werden muss. Die junge Wissenschaft der Behavioral Economics (Verhaltensökonomik) sucht hier nach Lösungen und hinterfragt Althergebrachtes. Sie sucht mittels Experimenten nach Beweisen, wo Theorie und Mensch divergieren. Was sie daraus an Erkenntnissen zieht ist noch sehr neu und größtenteils ungeordnet. Aber schon jetzt ist klar: Die Modelle müssen überdacht werden, die sich Volkswirte vom alten Schlag von Wirtschart und Mensch gemacht haben. Sie sind kompliziert und basieren auf falschen Annahmen. Während sie den Mensch in seiner Rationalität überschätzt haben, unterbewerteten sie ihn im gleichen Zug, indem sie dem Menschen ein einfaches egoistisches Gewinnstreben zuschrieben. Doch so simpel ist das nicht.

Wie du mir, so ich dir

Eine Situation, die Verhaltensökonomen mit Reziprozität erklären (Wie du mir, so ich dir) und die aus finanzieller Sicht vollkommen unsinnig ist, ergibt sich beispielsweise, wenn jemand Geld ausgibt, nur um einen anderen abzustrafen, von dem er meint, dass dieser ihn ungerecht behandelt habe – selbst, wenn er weiß, dass sie sich nie wieder treffen werden.

Wir lieben neben unserem eigenen Vorteil die Fairness – das ist ein weiterer Erklärungsansatz, der in folgendem Fallbeispiel zu beobachten ist: Man gibt zwei Personen 10 Euro und erlaubt einer von beiden, nach ihrem Gutdünken mit dem Geld zu verfahren. In der Regel gibt sie der anderen etwas ab, selbst dann, wenn sie sich nicht kennen, ja sogar dann, wenn sie sich nicht einmal sehen können. Dies ist eines der bekanntesten Experimente der neuen Ökonomie, das sog. Diktatorspiel. 

Was zu Zeiten, als sich die Volkswirtschaft eher für eine philosophische als für eine empirische Wissenschaft hielt, unglaublich schien, ist Wirklichkeit geworden: Rund um den Erdball forschen Ökonomen im Labor. Und eine breite Öffentlichkeit entdeckt ihre bemerkenswerten Erkenntnisse mittlerweile. Zu diesem Thema erscheint in Deutschland gerade erste populäre Literatur. „Predictably Irrational“ steht in Amerika seit Wochen auf den Bestsellerlisten. Der Ton dieser Bücher ist spielerisch, hat nichts gemeinsam mit dem alten Lamento allwissender Lehrmeister. Volkswirtschaft ist menschlich geworden.  

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